Interview mit Lisa Anschütz

„Als Heldin für Europa stehe ich zur EU und versuche aufzuzeigen, welche Möglichkeiten wir dank ihr heute haben“

Europa braucht Helden: Auch in der Landwirtschaft ist man sich dessen bewusst. Mithilfe von EU-Förderprogrammen führt Landwirtin Lisa Anschütz einen Hof, auf dem sie seltene Nutztierrassen hält und sich für den Naturschutz engagiert. Für sie ist die Europäische Union vor allem eine politische Instanz, die Vielfalt ermöglicht und bewahrt. Im Interview erzählt sie uns, warum ihr Leben ohne die EU auf diese Weise gar nicht möglich wäre und warum wir alle die EU stärken sollten. 

Seit über 60 Jahren sorgt die Europäische Union für mehr Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Die positiven Errungenschaften scheinen in vielen Debatten dieser Zeit jedoch vergessen zu sein. Welche Aspekte schätzen Sie an der EU am meisten?

Es ist oft schwer, die Einwirkungen der EU auf unseren Alltag bewusst zu erleben. Selbst die offenen Grenzen beim Urlaub im Nachbarland werden häufig als Normalität wahrgenommen. Für mich als Landwirtin hat aber natürlich die EU-Landwirtschaftspolitik eine besondere Bedeutung. Die EU hat regionale Herkunftsbezeichnungen gestärkt und die Landwirte damit unterstützt. Es ist nicht mehr erlaubt, ortsspezifische Produkte an anderer Stelle zu erzeugen. Dies ist wichtig, um regionale Ernährung zu bewahren. Dank dieser Regelung ist es möglich, faire Preise zu erheben, die uns Erzeuger unterstützen. 

Wenn man sich den Brexit und das Erstarken rechtspopulistischer Parteien anguckt, so vernimmt man häufig – zumindest vordergründig – Forderungen nach mehr Eigenkontrolle. Warum ist gerade die Europäische Union als Gemeinschaft für die Landwirtschaft wichtig?

Paradoxerweise ist es meist die nationale Gesetzgebung, die das mehr an Regelungen bringt, aber den schwarzen Peter dafür bekommt meist die EU. Ein Beispiel: unser Kreis hat andere Ausführungsbestimmungen als der Nachbarkreis, um das gleiche EU-Recht zu erfüllen. Diese unterschiedlichen Gesetzesebenen, die manchmal an Willkür erinnern, führen in der täglichen Arbeit, der Praxis, zu Verdruss. Es gibt viele EU-Regeln, laut denen gerade im Bereich Landwirtschaft nationale Regelungen gestärkt werden. Dies führt dazu, dass die Eigenkontrolle (mit dem dazugehörigen Regelwerk) meines Erachtens oft schon jetzt die Politikverdrossenheit mitauslöst. Es ist zu undurchsichtig, welche Gesetze wann greifen und häufig dauert die Umsetzung eines Beschlusses zu lange. Das sind Dinge, die am politischen System verbesserungswürdig sind. 
Nichtsdestoweniger stimmt die Devise, dass wir gemeinsam stärker sind. Beschlüsse aus der EU haben eine größere Tragweite und können Benachteiligungen verhindern. Meine europäischen Kolleginnen und Kollegen haben oft die gleichen – oder wenigstens ähnliche – Probleme wie ich. Mit der EU haben wir hier die Möglichkeit, wirkungsvolle Lösungen zu finden. Daher ist mein Appell, dass wir das Potenzial der EU noch mehr ausschöpfen müssen, indem wir sie weder kritiklos als Selbstverständlichkeit noch sie als gescheitertes Projekt ansehen. Es liegt an uns allen, die Kraft der (europäischen) Gemeinschaft zu nutzen. 

Die Landwirtschaft wird in hohem Maße durch EU-Gesetze und Vorschriften beeinflusst. Wo sehen Sie sich am stärksten von der EU unterstützt? Welche Änderungen der EU-Gesetzgebung wünschen Sie sich? 

Ich wünsche mir einen stärkeren Schutz unserer Lebensgrundlage. Deutschland allein hat hier aber nicht die Kraft zu. Die Folgen des Klimawandels und der Umweltzerstörung werden immer spürbarer und uns rennt die Zeit davon, etwas dagegen zu unternehmen. Globale Probleme brauchen globale Lösungen und auch wenn Europa nicht die ganze Welt ist, besitzt die EU mehr Möglichkeiten, wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen. Dabei haben die Politikerinnen und Politiker die Verantwortung, dass Interessenkonflikte sachlich ausdiskutiert und gelöst werden und zwar bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Ich sehe zum Beispiel die Rückkehr des Wolfes, aber seine Existenz darf nicht das Ende der Weidetierhaltung einläuten. Eine Absicherung der Tiere und damit der Bäuerinnen und Bauern sollte schnell und klar beschlossen werden. 

Unsere Kampagne sucht nach Heldinnen und Helden für Europa, die sich aktiv zur EU bekennen. Was tun Sie, um zu dem Gelingen der europäischen Idee beizutragen?

Ich führe viele Naturschutzprogramme durch, die von der EU unterstützt werden, ebenso wähle ich spezielle Rassen und Haltungsformen für unsere Tiere aus, für die es eine Förderung durch die EU gibt. Das bedeutet weniger Tiere und mehr Einschränkungen bei der Arbeit, dagegen steht ein Gewinn an Artenvielfalt und Erhaltung alter Haustierrassen. Meinem Mann und mir bedeutet dies sehr viel. Allein unsere Lebens- und Handlungsweise profitiert daher von der EU oder wäre in dieser Weise ohne sie gar nicht möglich. Als Heldin für Europa stehe ich zur EU und versuche aufzuzeigen, welche Möglichkeiten wir dank ihr heute haben. 

Vielen Dank für das Interview!

 

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