Interview mit Michael Wippler

„Die Europäische Union steht für Freiheit und Demokratie. Das sind hohe Güter, die wir schützen und bewahren müssen. Das sage ich auch und gerade als Mensch, der in der DDR großgeworden ist und diese erlebt hat.“

Europa braucht Helden: Auch beim Handwerk ist man sich dessen bewusst. Michael Wippler Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks e. V., weiß nicht nur die Vorzüge der EU für deutsche Bäckereien – etwa durch den Schutz traditioneller und ortsspezifischer Backwaren vor Nachahmungen – zu schätzen, sondern auch für den privaten Alltag aller EU-Bürgerinnen und Bürger. Obwohl man nicht die Augen vor den Problemen verschließen dürfe, die von EU-Regelungen verursacht werden, ruft er alle Menschen in den Landesverbänden, Innungen und Mitgliedsbetrieben dazu auf, wählen zu gehen und sich klar zu Europa zu bekennen.

Seit über 60 Jahren sorgt die Europäische Union für mehr Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Die positiven Errungenschaften scheinen in vielen Debatten dieser Zeit jedoch vergessen zu sein. Welche Aspekte schätzen Sie an der EU am meisten? 

Die Europäische Union steht für Freiheit und Demokratie. Das sind hohe Güter, die wir schützen und bewahren müssen. Das sage ich auch und gerade als Mensch, der in der DDR großgeworden ist und diese erlebt hat. Die EU trägt entscheidend zu Wohlstand und Lebensqualität ihrer Bürger bei. Die konkreten Vorteile, die sich mit ihr verbinden, reichen vom grenzüberschreitenden Arbeiten, dem Euro als einheitlichem Zahlungsmittel bis zum unbeschwerten Reisen und Wegfall der Roaminggebühren. Doch das Wichtigste ist: In der EU genießen wir seit über sieben Jahrzehnten ununterbrochen Frieden. Ohne den europäischen Integrationsprozess wäre diese Friedensperiode kaum denkbar. 

Die deutsche Brotkultur zeichnet sich durch ihre Vielfalt, Qualität und ihre lange Tradition aus. Inwieweit ist die Europäische Union hilfreich, um dieses Kulturerbe sowohl zu bewahren als auch einen Austausch zu ermöglichen? 

Das deutsche Handwerk gewinnt durch den Europäischen Binnenmarkt: Keine Grenzen, keine Zölle, eine gemeinsame Währung, Waren- und Dienstleistungsfreiheit, Personenfreizügigkeit, gemeinsame Einrichtungen, gegenseitige Anerkennung von Standards, etc. Rund 60 Prozent der Warenexporte der Bundesrepublik gehen in die anderen EU-Staaten. Viele Millionen Arbeitsplätze in unserem Land hängen am grenzüberschreitenden Handel. Hiervon profitieren die deutsche Wirtschaft, das Handwerk und auch unser Bäckerhandwerk massiv. 

Die Herstellung von Lebensmitteln wird in hohem Maße durch EU-Gesetze und Vorschriften beeinflusst. Häufig vernimmt man daher frustrierte Forderungen nach mehr Eigenkontrolle. Die Vorteile, die die EU für die Lebensmittelproduktion geschaffen hat, werden hingegen seltener thematisiert. Auf welche Weise profitiert das Handwerk – speziell das Bäckereihandwerk – von EU-Regelungen? 

Mehrere traditionelle Produkte des Bäckerhandwerks wie beispielsweise „Dresdner Stollen“ oder „Schlesischer Streuselkuchen“ sind aufgrund von EU-Vorgaben besonders geschützt. Die unternehmerische Freiheit und das Eigentumsrecht sind durch die EU-Grundrechtscharta gewährleistet. Viele EU-Regelungen enthalten Freiräume zugunsten der Unternehmen, die dann in der Umsetzung allerdings leider von den Behörden oder dem Gesetzgeber in Deutschland ausgehebelt werden. Richtig ist aber auch: Die Bürokratielast der Unternehmen hat durch EU-Vorgaben in der Vergangenheit massiv zugenommen, wogegen wir klar Stellung beziehen müssen. Kleine und mittlere Unternehmen sind das Rückgrat der europäischen Wirtschaft. Die Gesetzgebung in Europa nimmt auf diese Tatsache allerdings leider bisher viel zu wenig Rücksicht. Viele Vorschriften, die Europa erlässt, sind für kleinere und mittelständische Betriebe viel zu kompliziert. Daher muss der Grundsatz nicht nur gelten, sondern künftig auch in der Praxis umgesetzt werden: Vorfahrt für kleine und mittlere Unternehmen! Von dem neu gewählten Europa-Parlament erwarten wir, dass es diesem Grundsatz zum Durchbruch verhilft. 

Die EU zeichnet sich durch ihre kulturelle Vielfalt, offene Grenzen und gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme aus. Inwieweit kann sich das Potenzial der EU aus Ihrer Sicht voll entfalten? Und was tun Sie, um zu dem Gelingen der europäischen Idee beizutragen? 

Aktuell kann sich das Potential der EU aus unserer Sicht leider nicht voll entfalten. Die Europäische Union muss Strukturreformen durchführen, um effizienter zu werden und sich auf ihre unabdingbaren und unverzichtbaren Kernbereiche konzentrieren, um auch die Vielfalt der Länder und ihre Identitäten zu bewahren. Im Bereich der europäischen Wirtschaftspolitik muss ein Schwerpunkt auf den Bürokratieabbau gelegt und sichergestellt werden, dass kleine und mittelständische Betriebe entlastet werden. Ungeachtet aller Herausforderungen muss es aber unser Anliegen sein, das Projekt Europa zu schützen und weiterzuentwickeln. „In Vielfalt geeint“ lautet der Wahlspruch der EU, der gegenwärtig neue Aktualität hat. Jeder Bürger ist gefordert, dazu seinen Beitrag zu leisten. Deswegen haben wir den Aufruf von Arbeitgeberpräsident Kramer an unsere Landesverbände, Innungen und Mitgliedsbetriebe weitergegeben, zur Europawahl Flagge zu zeigen, sich klar zu Europa zu bekennen, zur Wahl zu gehen und dies bei allen zur Verfügung stehenden Gelegenheiten in den Betrieben auch zu sagen. 

Vielen Dank für das Interview!

 

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